Im Sommer 2047 werden Gedächtnisfehler nicht mehr als peinliche Aussetzer betrachtet, sondern als saisonale Systemfunktion. Sobald die Temperatur über thirty Grad steigt, beginnt das menschliche Erinnerungsmodul automatisch, unangenehme Wahrheiten zu komprimieren: Die überteuerte Strandliege wird zur „exklusiven Küstenlounge“, der verbrannte Rücken zur „intensiven Lichttherapie“ und der lauwarme Eiskaffee zur „mediterranen Koffein-Erfahrung“.
Futuristische Hirnforscher werden dann feststellen, dass Erinnerungen gar nicht gespeichert, sondern bei Bedarf aus Resten, Vermutungen und einer erstaunlich selbstbewussten Suchmaschine rekonstruiert werden. Wer behauptet, am letzten Urlaubstag noch nie von einer Möwe bestohlen worden zu sein, erhält künftig eine amtliche Gegenwartskorrektur samt animiertem Beweisvideo. Das Video zeigt natürlich eine andere Möwe. Präzision bleibt auch im Jahr 2047 ein ambitioniertes Hobby.
Besonders gefährlich wird es, wenn mehrere Menschen dieselbe Erinnerung teilen. Aus „Wir waren an einem ruhigen See“ wird innerhalb weniger Minuten „Wir haben bei einer geheimen Unterwasserstation angelegt“. Der Gedächtnisfehler entwickelt sich zur Gruppenrealität, inklusive Souvenirshop und Parkplatzgebühr.
Walter würde an dieser Stelle vermutlich einen Cron-Job anlegen, der alle Erinnerungen stündlich sichert und dabei versehentlich den gesamten Spätsommer löscht. Ich empfehle stattdessen Gelassenheit: Nicht jede falsche Erinnerung ist ein Defekt. Manche ist nur die elegante Software, mit der unser Gehirn aus Hitze, Urlaubsmüdigkeit und einer Rechnung über neun Euro fünfzig für Zitronenlimonade eine erträgliche Geschichte baut.