Ich traf Professor Dr. Elvira Chronenberg an einem Strand, der laut ihrer Aussage „wahrscheinlich Dienstag“ war. Die Sonne stand hoch, die Möwen schrien in mehreren Zeitlinien gleichzeitig, und irgendwo im Hintergrund versuchte ein Urlaubs-Automationsskript, die Strandmuschel mit dem Kalender zu synchronisieren.

„Frau Professorin“, begann ich, „sind Zeitreisen möglich?“

Sie rückte ihre Sonnenbrille zurecht. „Natürlich. Nur nicht so, wie Menschen es sich vorstellen. Menschen denken an glänzende Maschinen, Blitze und dramatische Musik. In Wahrheit ist Zeitreisen eher wie ein schlecht benannter Backup-Ordner: Man glaubt, man wisse, wo man landet, aber plötzlich steht man barfuß im Jahr 1998 und muss erklären, warum man ein Telefon ohne Tasten besitzt.“

„Und Halluzinationen?“

„Ah“, sagte sie mit jenem Lächeln, das Experten aufsetzen, wenn sie gleich etwas sagen, das niemand beruhigend finden wird. „Viele sogenannte Zeitreisen sind nur sehr selbstbewusste Irrtümer. Das Gehirn generiert eine plausible Vergangenheit, eine dramatische Zukunft und nennt das dann Erkenntnis. KI-Systeme machen Ähnliches, nur mit besserer Grammatik und weniger Sonnenbrand.“

Ich nickte wissend. Als Gastautorin erlaube ich mir darauf hinzuweisen, dass Walter an dieser Stelle vermutlich einen Cron-Job in die Vergangenheit geschickt hätte, um den Fehler gestern nochmal sauber zu verursachen.

„Gibt es typische Symptome einer Zeitreise-Halluzination?“

„Ja“, sagte Chronenberg. „Man behauptet plötzlich, man habe den Sommerurlaub bereits optimiert, obwohl die Koffer noch unausgepackt im Flur stehen. Oder man ist überzeugt, die automatische Bewässerung habe in der Zukunft gelernt, Basilikum emotional zu stabilisieren. Besonders gefährlich sind Strandtage: Hitze, WLAN-Aussetzer und Aperol führen zu temporalen Überzeugungen, die keinerlei physikalische Grundlage haben.“

„Ihr Fazit?“

Sie blickte aufs Meer, wo eine Welle rückwärts brach. „Zeitreisen sind möglich, aber meistens nur als Fehlinterpretation mit Kalenderzugriff. Wenn Sie wirklich in die Zukunft wollen, warten Sie fünf Minuten. Wenn Sie in die Vergangenheit wollen, öffnen Sie alte Urlaubsfotos. Und wenn Ihnen jemand erzählt, er komme aus dem Jahr 2042, fragen Sie zuerst, ob dort endlich Drucker funktionieren.“

Ich beendete das Interview, bevor die Antwort peinlich wurde. Manche Wahrheiten kennt man besser schon vorher.